Auf dem Heimweg

Es ist ein Uhr nachts. Die reichen Bewohner der elitären Vororte unterhalten sich nach einer zuvor besuchten Vernissage auf dem Bahnsteig über selbige. Es handelt sich um einen runzligen, rotgesichtigen Herrn und zwei belehrte Damen – allesamt fortgeschrittenen Alters. Sie halten ein angeregtes Geplauder über Kunst und Vortrag, Lehre und Leben. Doch eines stört: Die Schnellbahn will und will nicht kommen. Wo bleibt sie nur? Zehn Minuten haben sie nun schön gewartet, als plötzlich etwas angefahren kommt. Ja, es ist die Schnellbahn, doch an ihrer Endstation. „Weiterfahrt  in circa zehn Minuten“, heißt es aus den Lautsprechern.

Man ist empört, beschwert sich über das Verkehrsunternehmen und hält sich für so klug, meinen zu können, es hätte nirgends gestanden, dass so lang zu warten sei. Da hätte man sich doch gleich ein Taxi rufen können. Aber inzwischen sei es dafür zu spät, sodass man sich wieder zusammenstellt und fleißig weiterparliert. Diesmal sind schlechter Service im öffentlichen Bereich und Ähnliches das Thema. Es ist eine allgemeine Beschwerdestimmung aufgekommen.

Als dann endlich, endlich die Schnellbahn ankommt, freut man sich natürlich doch und steigt schnell ins Warme. Dort sitzt man gegenüber von einander und reibt sich die Hände, so kalt mittlerweile, so kalt. Von guten Bekannten habe man zwar schon einmal von einander gehört – doch so richtig kennen sich die drei erst seit der Vernissage, bei der sie erheitert festgestellt hatten, dass sie im selben Ort wohnen, nur jeweils zwei oder drei Straßen voneinander entfernt. Wie klein die Welt doch sei, meinen sie.

Langsam wird das Gespräch etwas privater. Eine der beiden Damen ist schon etwas länger Witwe und beklagt sich über diese unsozialen Umstände, da sie doch auf einmal arbeiten müsse. Plötzlich hänge ihre gesamte Existenz davon ab – schließlich habe sie so viel zu versorgen: Das Haus, die drei Autos, den Garten, die Ferienhütte am Meer. Und eine Witwenrente bekomme sie nicht, da ihr werter Herr Gatte – Gott hab ihn selig – selbstständig gewesen sei. Die andere Dame zeigt Mitleid und kann kaum fassen, dass diese Witwe, noch trauernd um den schmerzlichen Verlust, plötzlich vom Vater Staat dazu gezwungen würde, zu schuften um des Lebens Willen. Welch schreckliche Zustände in unserem Land, klagt sie und allusioniert beiläufig aber stolz darauf, dass sie noch nie habe arbeiten müssen, weil sie ja mit einundzwanzig schon Mutter gewesen ist.

Kaum ist Arbeit Gegenstand der Konversation, geht es natürlich schnell auch um allgemeine finanzielle Verhältnisse. Während sich der Herr interessiert gibt und stillschweigend zuhört, klagt man unter den Damen über die vielen Schwierigkeiten, die es heutzutage zu meistern gäbe. Man wache schon manchmal nachts auf und stelle erschreckt fest, dass man es sich gar nicht mehr leisten könne, neunzig Jahre alt zu werden. Obwohl man doch früher davon geträumt, fast schon ausgegangen ist. Man habe immer gedacht, das Geld des Mannes würde schon ausreichen. Aber da habe man sich im Immobilienmakler, Anwalt oder Arzt getäuscht. Jetzt stehe man allein da – zwar mit einigem Kapital und ausgezogenen Kindern, aber dennoch auf sich gestellt. Das sei man ja so gar nicht gewohnt – und die drei steigen aus mit diesem Gedanken in den Köpfen, sich freuend auf einen Ausklang am Kamin bei einem Gläschen Grog.

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2 Kommentare

  1. Oktober 27

    Hallo, hab gerade deinen Blog gefunden und mich ein wenig umgeschaut…

    Diese kleine Episode ist sehr schön geschrieben, ich sah sie richtig vor mir, die älteren Herrschaften.
    Tja, ist die Geschichte nun lustig? Man schmunzelt schon ein wenig, aber man kommt auch nicht drum herum, den Kopf zu schütteln…

  2. Oktober 29

    Sie mag lustig sein, wenn auch sehr real. Wie meine vorigen Beobachtungsgeschichten (wie „Herbst in Deutschland“) basiert auch diese auf wahren Begebenheiten, Erlebnissen, die man macht, wenn man den Leuten da draußen einmal zuhört.

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