Die Augen öffnen

Regina Koop leitet ein Bestattungsunternehmen in Hamburg-Bergedorf. Sie schrieb für Zementblog.de offen und kritisch über ihren Beruf, das Leben, das Sterben und was damit verbunden ist.

Warum wurde ich Bestatterin?

Ich bin Bestatterin geworden, weil für mich das Bestatten – das Begleiten, das Sterben und der Tod – zum Leben gehört und so verschieden ist wie das erlebte, gelebte, geprägte Leben, so verschieden zu betrachten ist, wie wir Menschen mit unseren Ängsten und Vorstellungen, unserer Haltung zur eigenen Bestattung verschieden sind.

Ich bin Bestatterin geworden, weil ich Menschen achte und liebe – über ihren Tod hinaus. Und weil ich deren Unterschiedlichkeit, ob es Religionen oder Prägungen durch das gelebte Leben sind, weder bewerten, noch verurteilen werde, sondern respektiere – am Anfang wie am Ende.

Ich bin Bestatterin geworden, weil ich der Überzeugung bin, dass ein Mensch mit und ohne Atmung ein Mensch bleibt – es gibt keinen toten Menschen, weder in unseren Gedanken noch in unseren Herzen. Verstorbene gehören zu uns – sie sind Ursprung und Wurzel von unserem heutigen, eigenen Leben.

Ebenso unterschiedlich wie die Menschen dürfen unsere Bestattungsformen sein. Leider herrscht in unserer Gesellschaft nach wie vor eine Entsorgungsmentalität vor. Nachts um drei wird der Bestatter gerufen, um den geliebten Menschen wie Sondermüll fortzuschaffen. Viele wünschen sich eine anonyme Beisetzung in dem fälschlichen Glauben, es sei die billigste und einfachste Lösung.

Das Bestattungsgesetz beschränkt uns in Deutschland lediglich darauf, dass wir beigesetzt werden müssen, als Urne oder als Sarg. Im Klartext: Ein Sarg oder eine Urne gehört in keinem Fall in die häusliche Umgebung. Ort der Totenruhe kann somit nur Meer, Wald oder Friedhof sein. Das Bestattungsgesetz beschränkt kaum den Rahmen, wie und wo wir uns verabschieden wollen, wie unsere Trauerfeiern aussehen dürfen.Also kann am Sarg gelacht und geweint werden – es kann ein lebendiger, entsprechender Abschied werden. Wenn jemand zu Hause stirbt, kann er bis zu 36 Stunden dort bleiben (sofern es keine erkennbaren Gründe dagegen gibt, etwa besondere Krankheiten oder Gewalttaten). Dort können Angehörige, Freunde, Nachbarn in Ruhe vom Verstorbenen Abschied nehmen.

Leider sterben heute die Wenigsten zu Hause. Statistisch gesehen sterben in Deutschland etwa 900.000 Menschen jährlich; über 70 % davon außerhalb ihrer häuslichen Umgebung, Tendenz steigend. Zunehmend werden unsere Alten in Krankenhäuser und Pflegeheime ausgelagert. Wir lagern das Sterben aus der häuslichen Umgebung aus, verdrängen die Toten und suchen noch nach moralischen Werten.

Sterben im Krankenhaus

Ist das Sterben im Krankenhaus nicht furchtbar einsam und namenlos? Ich behaupte für mich persönlich, im Krankenhaus sehr wahrscheinlich nicht an der Diagnose, mit der ich eingeliefert wurde, zu sterben. Mich machen Krankenhäuser krank. In Krankenhäusern wird immer vom „gesund werden“ gesprochen, da geht das Leben anscheinend immer weiter. Dass das Sterben zum Leben gehört, wird gerade dort häufig ausgeblendet – „Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Ihre Mutter heute verstorben ist.“ Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann würden Ärzte und Bestatter sich viel mehr zusammensetzen und den Menschen im Krankenhaus immer früher die Möglichkeit geben, über ihre Ängste und Wünsche bezüglich ihrer eigenen Bestattung zu sprechen.

Vor der Operation sitzt der Arzt geduldig (obwohl die eigentlich nie Zeit haben) am Bett des Patienten und klärt ihn über die Nebenwirkungen und möglichen Komplikationen auf. Und dann unterschreiben wir voll Hoffnung auf das Leben, nehmen die Komplikationen und anderen Möglichkeiten in Kauf.

„Haben Sie alles für Ihre Bestattung mit Ihren Angehörigen geregelt? Gibt es da Fragen oder Wünsche, die Sie uns mitteilen möchten?“ Dass ein Arzt den Patienten diese Fragen stellt, scheint unvorstellbar. Fast zaghaft wird nur die eine Frage nach dem nächsten Angehörigen gestellt, der anzurufen wäre, wenn etwas passiert. Ich habe das Thema einmal in einem Krankenhaus vorsichtig angesprochen und betonte, wie wichtig es sei, auch mit Patienten über die eigene Bestattung, den Tod zu sprechen und Wünsche dazu aufzuschreiben. Die prompte Antwort darauf war: „Das geht in keinem Fall, dann denken ja alle, in diesem Krankenhaus wird nur gestorben.“

Im Leben ans Sterben denken

Beruhigte es nicht die Nerven und die Seele ungemein, gäbe es einem Patienten nicht Vertrauen und Zuversicht, wenn auch im Krankenhaus offen über die Ängste vor dem und Gedanken an den Tod gesprochen würde? Ich will einen Schritt weiter gehen und behaupte: Es stirbt sich leichter, sanfter, beruhigter in einer Umgebung, wo der Tod auf natürliche Weise zum Leben dazu gehört.

„Wo habe ich meine Geburtsurkunde, was brauchen die Kinder, wenn ich sterbe, wo finden sie meine Papiere? Wie möchte ich bestattet werden, wie auf keinen Fall?“ – Mit diesen Fragen zur eigenen Bestattung sind meinem Empfinden nach zu viele Menschen allein. Keiner dieser Bestattungswünsche ist anonym. Kein Mensch ist anonym geboren und anonym gestorben… niemand lebt anonym. Niemand ist namenlos geboren, niemand ist namenlos bestattet worden und doch kommt es mir oft so vor, als wären unsere Bestattungsformen namenlos geworden, wie unser Sterben außerhalb des häuslichen Bereiches. Sterben wir etwa alle gleich, waren wir Zeit unseres Lebens uniform? Will man am Ende noch behaupten, wir hätten alle dieselben Wünsche, Ängste, Ideen und Vorstellungen?

Ein slawisches Sprichwort besagt: „Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schließen. Es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen.“ In diesem Sinne bin ich Bestatterin – ich lerne täglich aufs Neue, meine Augen zu öffnen.

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