Krise der Solidarität

Herrlich, was das deutsche Volkstheater wieder zu bieten hat – jeder sozialkritische Bühnenbildner kann sich derzeit in die Hände klatschen beim Anblick der Inspirationen, die sich an den Hauptbahnhöfen der Bundesrepublik finden: Wie Georg Seeßlen in der aktuellen Ausgabe von Konkret (10/15) richtig bemerkt, „wird derzeit ein nationales Feelgood Movie hergestellt“, die Humanitären in der Hauptrolle. Das Flüchtlingsdebakel dreht sich, danke, nicht mehr um Einwanderung, nicht um Integration, und auch nicht um Multikulti. Es geht jetzt nur noch um zweierlei: Willkommenskultur und Verteilung.

Die drei Ms

Erstere bezieht sich, klar, auf die PR-fähige Dreiheiligkeit Maizière/Merkel/Mutter Maria. Wir dürfen wieder jubeln, denn Möglichkeiten für narzisstische Entwicklungsarbeit bieten sich, Syrien sei dank, jetzt auch vor der Haustür. Einfach Arme ausbreiten und Brot brechen, mehr ist gar nicht gefragt! Während die Jungs in Brüssel nicht wissen, wo die überfüllten Züge am besten entladen werden sollten, schreitet Deutschland ein – ganz im Sinne des white saviour-Prinzips.

Der zweite Aspekt aber, die (böse gesagt) Verteilungsfrage, entlarvt den deutlich stimmigeren Mechanismus hinter all dem inszenierten Überschwang an Nächstenliebe (denn die kommt auch nur vor, wenn sie mal nicht zu viele Umstände macht). Merkel selbst spricht am 15. September bei einer Pressekonferenz von der Notwendigkeit, eine „faire Verteilung“ auf die EU-Länder zu organisieren. Ihr österreichischer Kollege Faymann fügt geschmeidig hinzu: Die Flüchtlingskrise habe immerhin „das Potenzial, das europäische Projekt zu gefährden“, also müsse rechtzeitig signalisiert werden, „dass wir Menschen in Not helfen“.

Freundschaft minus

Wie das in der Praxis aussieht, vor allem aber, wo in der Praxis die Grenzen gezogen werden, macht De Maizière in anschaulichster Manier deutlich. In hingebungsvoller Ignoranz des Schengener Abkommens (daran erinnert sich sowieso kein Schwein mehr) kündigt er Grenzkontrollen an und bestätigt damit vor allem eines: Dass wir es bei der EU absolut nicht mit einem Friede-Freude-Eierkuchen-Projekt zu tun haben (das war auch noch nie die Idee), sondern schlicht und ergreifend mit einer Handelszone ohne jegliche solidargemeinschaftliche Vision. Klar ist darüber hinaus auch geworden, dass Deutschland, obwohl es mit dem gegenwärtigen Spektakel auf Teufel-komm-raus das Gegenteil beweisen möchte, nicht dazugelernt hat und sein geopolitisches Hegemonialinteresse auch weiterhin verteidigen wird. Ohne allzu pessimistisch klingen zu wollen: Der Flüchtlingsflohmarkt in der Nachbarschaft fungiert hier eher als Legitimationsdeko, nicht als konstruktiver Beitrag zu einem kritischeren Europa.

Update: Der Spaß ist schnell vorbei – „Die Flüchtlinge sollen gefälligst dankbar sein“, titelt VICE.

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