„Mehr Demokratie wagen“

Was bleibt vom Schwung der 68er?

Diese Frage zu beantworten fällt gar nicht mal so schwer, wenn man sich einmal umsieht in der neoliberalen Parteienlandschaft, in vorherrschenden Äußerungen politischer Kulturtransformation der Gegenwart, in Deutschland, in Europa, in der Welt. Dass Grünen-Politiker Jürgen Trittin im Stern ein Resümee zu den Überbleibseln, nein Errungenschaften dessen zum Besten gibt, was der 68er-Generation zu verdanken sei, spricht an sich schon Bände. Denn a) steht, wenn irgendjemand, in Deutschland wohl maßgeblich die grüne Partei für Verfall und Nachlassen all jener erkämpfter Werte und b) ist es doch schon peinlich genug, das Ganze noch ausgerechnet im Stern zu veröffentlichen.

Die Grünen haben als Nonkonformisten, Rabauken, Pazifisten, Öko-Punks einen sauberen Eintritt ins Parlament hingelegt – aus der APO ins P. Heute, dem Konvergenzprinzip sei Dank, stehen sie den anderen etablierten Profis in nichts mehr nach – im Guten wie im Schlechten. Ernüchterndes Fazit scheint demnach: 68er-Werte halten nicht länger als Tomaten von Aldi. Wikipedia, so weit hat es das Internet nun doch geschafft, verhilft in dieser Frage aber zu mehr Aufschluss:

„Insgesamt war es weltweit nicht unbedingt die Mehrheit der Studenten (dafür waren auch Schüler und Arbeitnehmer beteiligt), die demonstrierte, gesellschaftlich nur eine Minderheit, die auch zunächst auf Ablehnung bei der älteren Generation traf, die aber einen sozialen und kulturellen Paradigmenwechsel anstieß, der in den 1970ern dann Mainstream-kompatibel, und somit zu einem Teil des Mainstream wurde (Wertewandel, Mode, Musik, politische Diskurse). […]

Während lange als Konsens anerkannt war, dass die internationale Bewegung von 1968 sowohl politisch (etwa Hochschulreformen, Die Grünen, Bürgerinitiativen, Ökologie) als auch kulturell (Rock, Pop, lockere Bekleidungskonventionen und sexuelle Befreiung) Neuerungen gebracht habe (Reform), war immer schon eine kritische Sicht zu vernehmen, die vor allem von Konservativen vertreten wird.

Demnach hätten „Die 68er“ mit ihren Utopien und Experimenten eine heile Gesellschaft (z. B. Familie) der 1950er zerstört, Sekundärtugenden seien dadurch in Vergessenheit geraten, weshalb Helmut Kohl bei seinem Amtsantritt auch eine „geistig-moralische Wende“ hin zu konservativen Werten und Moralvorstellungen ausrief.“

Willy Brandts „Pöbel bleibt Pöbel“ im Angesicht der Unruhen 1968 spricht also Bände, nicht? Das Etablissement der Parteienlandschaft (landschaftlich so attraktiv wie die norddeutsche Tiefebene) kann radikale Werte per se nicht anders adaptieren (und eben nicht integrieren geschweige denn praktizieren) als in modifizierter Fassung. Diese Modifikation beinhaltet immer auch einen Kompromiss zu gunsten liberaler Machterhaltung und nachhaltig-effektiver Verwaltung. Der Schwung der 68er ist heute vor allem weicher Wind – Fön, Stufe eins.

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