„Man spricht Deutsch hier“

Sicher bin ich etwas spät mit dieser Meldung – aber ich muss etwas dazu schreiben, wo sich doch alle Welt darüber aufgeregt hat. Die Rede  ist von Westerwelles Auftritt bei seiner ersten Pressekonferenz nach dem Wahlsieg. Spiegel Online hatte berichtet, dass der FDP-Chef einen BBC-Reporter hatte „abblitzen“ lassen, als dieser eine Frage zur Außenpolitik gestellt hatte. Der hinterhältige Journalist, der doch ganz genau um das schlechte Englisch Guido Westerwelles wusste, bekam jedoch keine Antwort – schon gar nicht auf seiner Muttersprache.

Stattdessen sagt der werte Liberale: „Wenn Sie so freundlich wären – da das eine Pressekonferenz in Deutschland ist… so wie es in Großbritannien selbstverständlich üblich ist, dass man dort Englisch spricht, so ist es in Deutschland üblich, dass man hier Deutsch spricht.“ Daraufhin ist der Reporter erst einmal perplex, gibt jedoch nicht auf. Er bekommt Hilfe von einer Dolmetscherin – doch Westerwelle will weiterhin nicht darauf eingehen, „wir sind hier in Deutschland“. Später sagt er dann schließlich doch etwas, um nicht allzu blöd dazustehen und witzelt noch herum („Wir können uns gern auf einen Tee treffen und gemeinsam auf Englisch unterhalten.“).

Nun hat sich jedermann empört darüber, alle machen sich lustig über das schlechte Englisch von Westerwelle und seine Weigerung, Deutsch zu sprechen (Guttenberg hat es schließlich vorbildlich hinbekommen). Aber wo ist das Problem? Kann sich nicht die Mehrheit der Deutschen mit Guido Westerwelles Ausspracheproblemen mit dieser Fremdsprache identifizieren? Kohl und Schröder waren da nicht anders, und die haben es trotzdem ins Kanzleramt geschafft. Was mich so an der allgemeinen Empörung stört ist vor Allem, dass sie keinen politischen Hintergrund hat. Anstatt dass man sich über Schwarz-Gelb aufregt, lacht man über einen Politiker, der sich weigert, in Deutschland auf Englisch zu antworten. Das hätte ich auch getan! Wie kann man sich auch die Dreistigkeit nehmen, auf einer Pressekonferenz in Deutschland eine Frage auf Englisch zu stellen? Die für Deutschland zuständigen Journalisten aus dem Ausland können doch Deutsch sprechen!

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7 Kommentare

  1. Oktober 19

    „(…) der doch ganz genau um das schlechte Englisch Guido Westerwelles wusste.“

    Das nimmst du an, weißt es aber nicht.

    „Wie kann man sich auch die Dreistigkeit nehmen, auf einer Pressekonferenz in Deutschland eine Frage auf Englisch zu stellen? Die für Deutschland zuständigen Journalisten aus dem Ausland können doch Deutsch sprechen!“

    Falsch, können sie nicht. Du glaubst doch nicht allen Ernstes, dass in vielen Ländern nach diesem Kriterium ausgewählt wird, oder? Da geht es nur darum, ob einer Englisch kann – Deutsch ist auch für die, die nach Deutschland geschickt werden, nicht so wichtig. Der Vergleich mit England ist zudem weit her geholt: Deutsch hat international keinen vergleichbaren Stellenwert mit Englisch.

    Wenn ich mich also über Herrn Westerwelle lustig mache, dann amüsiere ich mich über einen Mann, der sich nicht traut, sich in der Öffentlichkeit so zu geben, wie er ist. Ich behaupte keineswegs, dass der mit seinem Englisch gleich einpacken kann, ich verlange nur, dass er – wie andere Politiker – dazu steht.

  2. Oktober 20

    Ich denke mir eigentlich schon, dass ein Auslandskorrespondent seinen Job deshalb bekommt, weil er eben zweisprachig gelernt ist und deshalb auch im Land der jeweiligen weiteren Sprache eingesetzt werden kann. Sicher können wir das nun nicht wissen und es ist, da hast du Recht, eher anzunehmen, dass man es mit einer Situation, in der wohl einfach nicht über einen deutschsprachigen BBC-Kooperator verfügt wurde, zu tun hat.

    Was aber genau meinst du so dringlich damit, dass Westerwelle „nicht dazu steht“?

    Ich bin weiterhin davon überzeugt, dass der Reporter ganz sicher von Westerwelles schlechtem Englisch gewusst hat (solche Dinge sprechen sich in England sicher schnell herum) und ganz einfach einen Scoop mit einem selbst provozierten Fettnäpfchen seitens eines hochrangigen deutschen Politikers landen wollte.

  3. Maitol Krczstovczc
    Oktober 20

    Das Schlimme ist ja nicht, dass er es gesagt hat; das Schlimme ist, dass er Guido Westerwelle dies in einem Tonfall sagt, bei dem man davon ausgehen kann, dass er perfekt in Englisch parlieren kann. Nachdem was ich so gelesen und gesehen habe, ist dies nicht der Fall. Letztendlich hat er ja prinzipiell mit seiner Aussage Recht.

  4. Oktober 24

    Sicher kann man einem englischen oder englischsprachigen Journalisten freundlichst und elegant bedeuten, dass man nur auf Deutsch antwortet. Wer beherrscht schließlich Politik- oder Wirtschaftsenglisch in solcher Perfektion? Da sind Sachverhalte in der eigenen Sprache besser getroffen. Allein, und da geht mein Kommentar in die Richtung von Maitol, Guido Westerwelle hat das in einem so schulmeisterlichen Tonfall herübergebracht, dass es überheblich-abkanzelnd wirkte. Das ist nicht souverän und professionell, sondern bemüht und besserwisserisch. Nun ist Westerwelle ja kein Hinterbänkler bei seiner ersten großen Rede im Parlament oder auf einer Pressekonferenz, da darf man etwas mehr Schulung, Souveränität und PR-Coaching erwarten.

    Und so einen schurigelnden, schulmeisterlichen Tonfall mögen Journalisten nicht lange gern.

    Wie gesagt, in der Sache kein Problem, im kommunikativen Bereich dagegen sehr wohl.

  5. Oktober 25

    Dem will ich zustimmen – meine Kritik lautet aber, dass es in der Sache eben doch als Problem dargestellt wird, schenkt man den gemeinen Medien Glauben.

  6. David
    Oktober 26

    Da gibt es meiner Meinung nach mehrere Aspekte zu berücksichtigen:

    1. Westerwelle will Außenminister werden und darum sind seine Englischkenntnisse ein berechtigtes Thema. Von einem Außenminister kann man erwarten, dass er international notfalls auch ohne Dolmetscher auskommt, und dazu braucht er eben Englisch.

    2. Aus dem gleichen Grund ist sein Auftreten ein Thema. Seine Reaktion als Schulmeistermanier zu bezeichnen, ist meiner Meinung nach noch ziemlich wohlwollend. Stimmt, dass ihn der Journalist einfach auf Englisch angesprochen hat, das war nicht ganz die feine Art, soweit ich das beurteilen kann. Es wird ja sicher vor einer Pressekonferenz geklärt, in welcher Sprache kommuniziert wird. Von einem Außenminister erwarte ich aber souveränes Auftreten, und die souveräne Reaktion wäre gewesen, ganz einfach auf Deutsch zu antworten. Damit hätte er dem Journalisten sehr viel wirksamer einen Dämpfer verpasst und wäre nicht so dagestanden, als hätte man ihn mit runtergelassenen Hosen erwischt. Ich lasse mich nur sehr ungern im Ausland von einem Herrn ohne Hosen vertreten.

    3. Ich gebe dir recht, dass die Sache vermutlich nicht so oft aufgegriffen worden wäre, wenn es nicht um Westerwelle ginge. Dummerweise fällt es mir schwer, es der Presse übel zu nehmen, weil auch mir der gute Westerwelle von Grund auf unsympathisch ist. Ich habe ihn über die Medien immer nur entweder als Stimmenkasper erlebt, oder als den besserwisserischen Wadelbeißer, der von seiner bequemen unter-10-Prozent-Oppositionsbank aus in streberhaftem Tonfall darüber dozierte, warum die Regierung gerade wieder die Republik ins Unglück stürzt. Hätte er irgendwann mal echte Sachkompetenz oder ehrliches Engagement vermuten lassen, könnte ich ihn noch ertragen, aber so glaube ich, dass es Westerwelle ganz einfach nur um Westerwelle geht. Westerwelle will gern über rote Teppiche laufen und einen Posten bekleiden, wo man allein durch sein Amt schon beliebt wird. Wenn dann so einer noch damit wirbt, dass sich Arbeit weider lohnen muss, dann wird mir echt nur noch übel.

  7. Oktober 27

    1. Ja, Englischkenntnisse sind ein berechtigtes Thema.
    2. Wie es für blöde Politiker wie alle da oben üblich ist, hat der künftige Außenminister verdattert und unsouverän geantwortet. Stellt man das in den Vergleich zum Rest, kann man ihm das aber nicht übel nehmen.
    3. Ich stehe ähnlich zu Westerwilli und der Spaßpartei.

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