Fragment: Zigarettenglück

Das pausenlose Nuckeln an der Zigarette kam mir vor wie ein verzweifeltes Saugen an der Zitze ausgehenden Glücks, ein jämmerliches, verkrampftes Greifen nach der übriggebliebenen Freude. Aber der Wind war nicht schwach und das Papier nicht stark, also musste ich immer wieder das kleine, schwarze Feuer herausholen und mich in eine Ecke stellen, in der es nicht stürmte und wehte, und als es wieder und wieder und wieder nicht klappte, schmiss ich das Feuerzeug in eine – Ecke. Ich fragte mich, woher diese Ecke auf einmal kam, wieso sie erst jetzt da war und nicht, als ich sie gebraucht hatte, aber hätte ich sie denn gebraucht, ich wollte ja nur rauchen und rauchen soll man nicht, sagen die feinen Leute. Früher waren die Raucher die feinen Leute. Wie oft habe ich gesagt, ich höre auf damit, wie oft habe ich mich schlecht gefühlt, als ich wieder eine Schachtel gekauft hatte. Wie oft habe ich mir gesagt, ich höre auf, wie oft habe ich gespürt, es ist ganz egal, was du sagst, dein Leben hört dir nicht zu.
Und die Freude konnte ich auch im letzten Stummel nicht finden, da waren nur Kreisel im Kopf, wenn der Zug zu tief oder der Tabak zu schwarz war, da war nur der widerliche Geschmack im Mund, da war nur der üble Geruch an den Fingern, der sogar der Seife Widerstand leistete, die immer am Rand meines Waschbeckens lag, da war nur der Qualm, den ich wie Trübsal blies. Es war dieses Trübsal, das mir die allermeisten Kopfschmerzen bereitete – es mochte nicht gehen, ich hatte genug von ihm, es achtete aber nicht auf meine Absichten, sie waren ihm offensichtlich scheißegal, es kam wieder in mir auf. Dabei hatte ich nach Freude gegriffen, Freude stand auch auf dem Kassenbon und auch auf dem Kontoauszug und wenn das Freude sein soll, dann will ich sie nicht mehr.
Trübsal bin ich satt, es tut mir nicht gut. Was mir nicht gut tut, kann mir gestohlen bleiben, aber immer sagte ich Nein und Nicht, war das negativ, war ich negativ, war ich ein Schwarzmaler, der schwarzen Tabak rauchte und schwarzen Kaffee trank und das schlechte Wetter im guten sah. Ich sagte, gleich ziehen bestimmt graue Wolken auf. Dann guckten alle und sagten, Mensch, du hattest recht, aber bekamen diesen Gesichtsausdruck und ich lachte und es pisste wie verrückt. Doch das Trübsal war ich immer noch nicht los, also nahm ich einen weiteren tiefen Zug und hustete und verbrannte mir die Finger und schnippte die Kippe weit weg und ging weit weg und stellte mir vor, ich wäre weit weg.

Ich stehe morgens auf und überlege, was ich als erstes mache. Vielleicht koche ich mir Kaffee, vielleicht nicht. Vielleicht gehe ich duschen, vielleicht lasse ich es. Vielleicht frühstücke ich, vielleicht nicht. Vielleicht gehe ich zur Arbeit, vielleicht lasse ich es. Keiner sagt mir mehr, du musst das tun, keiner schmiert mir mehr das Brot, keiner weckt mich. Es grüßt mich das Lachen meines Weckers, es umspinnt mich das Zucken meines Fernsehers, es öffnet mein Computer seinen leeren, tiefen Schlund.
Gestern hast du erzählt, der Sommer ist vorbei und dass sich das alles nicht gelohnt hätte. Ich habe dir geglaubt und musste daran denken, wie schön wir es gehabt hatten: Die Schmetterlinge zupften uns an den Haarspitzen, wenn wir uns ins Gras fallen ließen. Heute werde ich diese Wiese besuchen und sehen – ohne Sommer sind die Schmetterlinge Würmer im knöchernen Boden, auf dem der letzte Grashalm sich anfühlt wie der letzte Zug an meiner Zigarette.
Man sagt, man hinterlässt zumindest ein Briefchen. Aber da war nichts. Du wirst vielleicht entgegenhalten, ich hätte doch genauso gut ein Briefchen hinterlassen können, aber wenn ich mir vorstelle, was ich hätte schreiben sollen, dann wäre das kein Briefchen gewesen. Aber ich will dir ja auch keinen Wälzer aufs Bett schmeißen und mich verpissen – „die Literatur regelt das schon“, die Literatur regelt überhaupt nichts. Ich war noch nie ein Mensch der Worte, auch wenn du das dachtest. Du wirfst mir Dinge an den Kopf und ich lege sie noch hundertmal auseinander bevor ich, nach reiflicher Überlegung, einen Schluss ziehe und mein Urteil fälle. Die Langsamkeit der Worte in meinem Mund hinterlässt einen Geschmack nach abgelaufener Milch. Das ist die Säure, die sich bei der Lektüre auch in deinem Mund noch ablagern wird, das weißt du genauso gut wie ich. Sie wird sich langsam ausbreiten und dir in die Nasennebenhöhlen steigen, wo sie sich einnistet wie ein kratzender Keim. So wird aus dem Briefchen der Schleim im Hals, der auf jedes noch so tiefes Husten einen neuen Reiz folgen lässt.
Du kannst mir nicht widerstehen. Du willst mich, doch wie solltest du mir das jemals beweisen können? Also glaubte ich dir kein Wort und wartete. Wartete und wartete und wartete. Womöglich änderten sich die Dinge mit der Zeit, womöglich würdest du irgendwann deine Sätze mit Punkten enden statt mit Ausrufezeichen und Fragezeichen. Womöglich änderten sich die Dinge, womöglich würdest du mir irgendwann Frühstück ans Bett bringen und deinen Kopf an mein Herz legen. Womöglich änderte es sich, womöglich würdest du bald warten, bis ich aufwachte, statt mich zu wecken. Doch der Tee ist kalt, die drei Punkte sind zu einem verschmolzen: Das Warten Punkt-Punkt-Punkt hat sich nicht gelohnt, Punkt.

Ich stelle mich in die Mitte meines Zimmers und starre an die Decke. Da klebt die Fliege, die du an dem einen Tag im August mit dem Geschirrtuch umgebracht hast. Sie ist angetrocknet, und ich frage mich, wohin der flüssige Anteil dieser Fliege ist. Ist er in die Luft meines Zimmers verdunstet, habe ich ihn eingeatmet? Alles widert mich jetzt an, ich atme energisch aus und spucke ins Badezimmer, ich will keine Fliegenflüssigkeiten geatmet haben, ich will alles zurückatmen.

(Fortsetzung folgt.)

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