Relikt

Der WahnsinnVorige Woche lief in einigen wenigen Kinos in Deutschland der realsatirische Film „Religulous“ an. Über die bisherigen Besucherzahlen ist mir zwar noch nichts bekannt, aber Illusionen mache ich mir nicht, die deutsche Kinobetreiber sind nicht für ihre Courage bekannt. Dabei ist der Film für Deutschland harmlos, werden doch überwiegend die Auswüchse des Gottesbusiness in den USA vorgeführt. Der Kommentar des Bayerischen Rundfunks schoss wie so oft den Vogel ab, aber lesen Sie selbst.

Da ich mir die Originalfassung angesehen habe, erlaube ich mir die Bemerkung, dass es in dem von Regisseur Larry Charles und Stand-up-Comedian Bill Maher gedrehten Streifen nichts gibt, worin ich die vom BR kritisierten Vorgehensweisen erkenne. Maher geht zunächst geradezu einfühlsam mit seinen Gesprächspartnern um, lediglich wo er spürt, dass auch diese lockerer werden, erlaubt er sich Spitzen, jedoch immer mit einem Augenzwinkern. Die Protagonisten des Gottesbusiness in den USA sind denn auch, anders als ihre Berufskollegen in Bayern, keine sich als Hochwürden dünkenden VIPs sondern ähnlich wie die durch Reisebüros engagierten Urlauberanimateure auf Entertainment mit kontemplativen Einlagen spezialisiert. Dies läuft allerdings auch in Deutschland immer besser, es wurden schon Pfaffen in debilen Posen bei YouTube gesichtet.

Die Kommentatorin des BR behauptet auch, dass in „Religulous“ Aussagen von Gläubigen der Lächerlichkeit preisgegeben werden, indem man sie ihrem ursprünglichen Kontext entzieht. Wohl wahr, es handelt sich um ein Kinofilm, nicht um komplette Interviews. Wenn man sich den Film noch einmal ansieht und an solchen Stellen anhält, kann man sich die Frage stellen, welchen Kontext diese und jene Aussage weniger lächerlich gemacht hätte. Mir ist da nichts eingefallen, was auf den Befragten oder das Thema gepasst hätte.

Aber der BR dürfte hier auch eher als Betroffener aufheulen, man befindet sich im Abwehrkampf. Was wäre denn in einer deutschen Version von „Religulous“ zu sehen? Dies scheint mir ein ebenso interessantes Thema zu sein. Hier hätte ein Regisseur nämlich auch allerhand zu bieten. Schade nur, das es hierzulande keine auch nur im entferntesten ähnliche Figur wie den ebenso schlagfertigen wie couragierten Bill Maher gibt. Als Fan seiner Late-Night-Shows und Interviews kann ich sagen, dass es in Deutschland keinen gibt, der wie er auf niemanden Rücksicht nimmt oder nehmen muss. Das heißt nicht, dass Maher ständig grundlos unflätig über missliebige Personen oder Vorgänge spricht, aber eine Kontroverse ist eine Kontroverse und er spielt niemals den neutralen Vermittler.

Zur Zeit läuft in Berlin eine Kampagne der Kirchen gegen den Ethik-Unterricht. Im Ethik-Unterricht wird das Thema Religion behandelt, neben anderen Themen. Das kann sich die Kirche nicht bieten lassen, denn Kirchen und Religion leben davon, dass ihre Lehre vorbehaltlos in frühstem Alter geschluckt wird. Nur so ist einigermaßen zu erwarten, dass Gottesfurcht oder die Jesusliebe fürs Leben gehalten wird. Würde man hier etwa im Alter von 14 Jahren ansetzen, wäre aus Sicht der Kirchen Hopfen und Malz verloren. Es handelt sich also in unserer sich langsam säkularisierenden Gesellschaft um einen Kampf der Verzweiflung.

Die Verzweiflung über leere Kirchenbänke und das zurückgehende Interesse an Firmungen und Traualtar geht etwa in England schon so weit, dass einige Bischöfe das gewähren der islamischen Scharia über einer konfessionslosen Gesetzeshandhabung bevorzugen. Der „Vorteil“ dieser öffentlichen Haltung ist, dass die Kirche hiermit offen und ehrlich zeigt, woran ihr gelegen ist: Unterdrückung. Der Nachteil: Der Staat spielt zunehmend mit in diesem „Spiel“, es handelt sich dabei auch nicht, wie manchmal behauptet wird, um eine Versuchsreihe, sondern es wird bitterer Ernst. Hierüber und über weitere Themen in diesem Zusammenhang könnte man in Deutschland oder sogar darüber hinaus im deutschsprachigen Raum eine Realsatire drehen.

P.S.: Es fällt mir doch jemand ein, der das Ding drehen könnte: Friedrich Küppersbusch. Ist nur ’ne Idee.

ein Gastbeitrag von FrequentlyWrongAnswers

Bild: Martin Müller / Pixelio

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