Die Fassade bröckelt

Kuba: Zwischen nicht mehr und noch nicht

Vom Flugzeug aus kann ich einzelne türkise Flecken im Meer sehen. „Hier unter Ihnen befindet sich Jamaica“, sagt der Pilot und fügt etwas später hinzu: „Das wiederum sind die Cayman-Inseln.“ Wir sind auf dem Weg nach Havana, Hauptstadt Kubas, einer der letzten Bastionen – besser: Inseln – des Sozialismus.
Als der Flieger kubanisches Land passiert, zeigen sich weite, dicht bewachsene Landschaften – hier und dort durchbrochen von einem einsam platzierten, bereits zerfallenen Plattenbau. Plötzlich rumpelt es unter meinen Füßen, links und rechts schmale Landebahnen, am Rand gesäumt von Königspalmen, dem Nationalsymbol der Insel. Es rattert und knackt noch einmal, die kolumbianische Maschine ist vielleicht nicht die neueste – heil angekommen sind wir trotzdem alle.

Im Flughafen fühle ich mich um einige Jahrzehnte zurückversetzt: Die Konstruktion ist klein, altmodisch und in schäbigem Zustand. Zu den Migrationsschaltern im Kellergeschoss gelangt man über eine defekte Rolltreppe. Dort angelangt als einziger Europäer aus einem Flugzeug voller Kolumbianer und Kubaner, falle ich natürlich nicht zu wenig auf – nicht allzu unerwartet kommt dann auch direkt jemand auf mich zu.

Wie sich herausstellt, ist es eine Beamtin des staatlichen Sicherheitsdienstes. Sie lächelt mich freundlich an und beginnt ganz behutsam, mich mit Fragen zu durchlöchern. Woher kommst du? Was willst du in Kuba? Bist du wirklich nur Tourist? Wo wohnst du? Wo wirst du in Kuba unterkommen? Welche Orte wirst du besuchen? Und so weiter. Das Verhör verlagert sich zwischendurch in eine staubige Nische abseits der Schalter und gerät mit einem Mal ins Stocken. Was arbeitest du?, fragt mich die Sicherheitspolizistin – und ehrlich gebe ich zurück, Ich arbeite in Kolumbien im Freiwilligendienst.

Das war eine dumme Antwort, denn jetzt geht das Gespräch erst richtig los – in den Augen des kubanischen Sicherheitsdienstes ist es natürlich nicht allzu erwünscht, wenn Vertreter internationaler Organisationen das Land besuchen. Also werde ich eine halbe Stunde ausgefragt und muss mehr über mich preisgeben, als mir lieb ist. Eine Mitarbeiterin vom Zoll kommt dazu und stellt mir noch einmal dieselben Fragen. Mein Gepäck wird durchsucht, ich werde durchsucht, alles wird durchsucht. „Herzlich Willkommen auf Kuba!“, schleudert die Beamte mir schließlich entgegen und entlässt mich.

Son Cubano ist nicht nur die Musik

Nachdem ich ins Taxi gestiegen bin, das mich zum Hotel bringen wird, starre ich unentwegt aus dem Fenster der gelben Klapperkiste: Die Straßen sind nur stellenweise befahren, viele Teile der Strecke wie leer gefegt – denn Benzin ist hier kaum zu bezahlen. Nach jedem Kilometer fällt mir ein weiteres überdimensioniertes Propagandaplakat ins Auge. „Die Veränderungen in Kuba sind für mehr Sozialismus“, steht da, oder „Sozialismus oder Tod!“, oder einfach nur ein Che oder ein Fidel.

Das Taxi hält vor einer Baustelle – der Fahrer drückt meine Tür auf und entlässt mich aus seinem Wagen. Mit Reiserucksack und Kamera bewaffnet stehe ich da, hinter mir der Atlantik, vor mir La Habana Vieja, das historische Stadtzentrum. Ein Afrokubaner in Unterhemd, kurzer Hose und Flip-Flops winkt mir zu und ruft: „Eh, wo willst du hin? Hotel? Leg deine Sachen da ab, dann zeig ich dir die Stadt!“

Der Mann, der sich mir als Armando vorstellt, hält sein Wort: Wenngleich noch sehr erschöpft von der Reise und dem starken Klimawechsel zwischen der knapp 2700 Meter hohen Andenmetropole Bogotá und dem auf tropischem Null gelegenen Havanna, lasse ich mich dennoch von dem Fremden durch die halbe Stadt schleifen. Er zeigt mir die hübschen Ecken, die man als Tourist kennen soll – aber auch die weniger hübschen Ecken, das echte Leben. Menschen, die sich von der Gasse aus lautstark zu einem Balkon hinauf unterhalten, Kinder, die sich mit Stock und Flaschendeckel im Baseball üben, alte Arbeiter, die auf der Straße Domino spielen.

An jeder Ecke werden mir Freunde vorgestellt: Alkoholiker, Koksdealer, heimliche Straßenverkäufer, Uni-Professoren. Armando kennt jeden, und jeder kennt Armando. Das scheint jedoch nichts besonderes zu sein – denn das alte Havanna funktioniert wie ein Dorf, sagt mir meine Spontanbekanntschaft.

Wir setzen uns in eine Bar, rauchen eine und trinken Mojito. Drei Männer machen Tischmusik – sie spielen die Guajira Guantanamera, das Lied auf den Kommandanten Guevara und einige Salsa-Stücke. „In dieser Bar hat früher Ernest Hemingway seinen Rum gehoben“, sagt mir Armando. „Marlon Brando auch.“ Wir stoßen an und plaudern über die Revolution.

Im DDR-Waggon am Zucker vorbei

Die nächste Station, die ich mit meiner Mutter und ihrem Freund bereise, die ich in Havanna treffe, ist Cienfuegos, zweitwichtigster Hafen des Landes. Viel spannender aber als das Ziel ist der Weg dorthin. Wir steigen im Hauptbahnhof von Havanna um sieben Uhr morgens in einen alten klapprigen Zug, der uns ein Viertel dessen kostet, was wir für den um ein Vielfaches schnelleren Bus zahlen müssten. Unschlagbarer Vorteil jedoch: Wir erleben Kuba von einer ganz, ganz anderen Seite.

In dem klapprigen DDR-Waggon – an der offen stehenden Tür steht noch: „Türgriff nur bei Stillstand des Zuges betätigen“ – tuckert die Maschine bei 30 km/h durch ein Viertel des Landes. Dadurch, dass wir einmal quer von der Nord- an die Südküste fahren, haben wir die Ehre, einen guten Querschnitt durch die Beschaffenheit des Inlandes zu sehen. Dessen überwältigender Großteil besteht aus Zucker-, Kaffee- und Tabakfeldern – man sieht kaum etwas anderes, dazu Bauern, die mit Ochsengespannen auf dem Feld arbeiten.

Der Zug hält häufig, an nahezu jeder Station jedes noch so kleinen Dorfes. Es steigen einige zu, andere steigen aus, die Zugführer kaufen sich Schnaps und unterhalten sich mit Kollegen auf dem Bahnsteig. Das Sprichwort „Der Weg ist das Ziel“ erhält hier, nach gemütlich lateinamerikanischer Manier, eine ganz neue Bedeutung. So kommt es auch, dass der sich Zugdiener ohne jeden Stress vollständig der Zufriedenstellung der Fahrgäste widmet: Er kauft uns an einer Station schnell ein Mittagessen; ein anderes Mal hüpft er während der Fahrt auf ein Obstfeld, pflückt uns ein paar Guaven, schneidet sie auf und serviert sie uns – frischer als bei Edeka.

Ein Hotel mit Einschusslöchern

Die „Perle des Südens“ Cienfuegos hat mich nicht gefesselt. Angekommen an einem bewölkten Sonntag, sind wir durch graue Gassen und an einer verregneten Promenade entlang ins Hotel gefahren. Die schönen Seiten dieser Stadt liegen – abgesehen vom durchaus sehenswerten historischen Zentrum – außerhalb, hatte ich den Eindruck: Im botanischen Garten etwa kann man Myriaden prächtiger und beeindruckender Pflanzengattungen aus aller Welt besichtigen – so etwa den afrikanischen Affenbrotbaum oder einen Baum, der wandern kann.

Von Cienfuegos aus sind wir in die zentralste Stadt des Landes weiter gereist, die Studenten- und Revolutionshochburg Santa Clara. Auf dem Hauptplatz tobt das Leben: Schüler rennen über die Straße, alte Leute unterhalten sich bei einer Zigarre, aus den Bars klingt Live-Musik. Der Son Cubano hält uns bis zur Dämmerung am Glas Mojito, als sich plötzlich ein Schwarm Vögel im größten Baum des Parks niedersetzt und mit einem unglaublichen Krach sein Lied pfeift. Mit den ersten dunklen Stunden kommt die Salsa-Band auf die Straße und die Leute beginnen zu tanzen, bis der Asphalt glüht.

Auf jenem Platz steht noch ein Hotel mit Einschusslöchern der letzten Schlacht. Hier, in der Hauptstadt des Departamentos Villa Clara, sind Fidel Castro und Ernesto Guevara 1958 mit ihren Guerrilla-Einheiten einmarschiert, um den Truppen des Batista-Regimes entgegenzutreten – mit Erfolg. Als der berühmte trojanische Zug, voll mit Soldaten der Militärregierung, in Santa Clara einfuhr, wusste Che bereits, was da anrollte und hob kurzerhand die Schienen aus. Der Zug entgleiste, die Soldaten wurden von der Guerrilla übermannt. Die Revolution war geboren.

Den Zug, die Schienen, die Molotov-Cocktails – das alles kann man in Santa Clara in einem Freilichtmuseum ansehen (angeblich in Originalteilen). Zudem befindet sich am Stadteingang das kolossale Guevara-Mausoleum: Eine übergroße Statue zeigt den Kommandanten, Schrifttafeln zitieren die bewegenden Worte des Kriegshelden. Im Che-Guevara-Museum werden seine Waffen, seine Kleidung, seine Bleistifte und anderes triviales Zeugs ausgestellt. Im Mausoleum selbst wiederum liegen die Gebeine des Che und seiner Genossen Guerrilleros, daneben brennt eine ewige Flamme in Gedenken – bewacht von einem hübschen Mädchen, das einen ganz ernst anguckt und immer wieder „Scht!“ macht.

Zucker im Schnaps, Feuer in den Beinen

Zum Abschluss unserer Reise ging es schließlich im Oldtimer-Taxi zurück an die Karibikküste – nach Trinidad. Auf dem Weg dorthin passieren wir das Zuckermühlental (Valle de los Ingenios), ein prächtiges Stück Land, dessen Geschichte der Sklaverei und spanischen Haciendas es 1988 zum UNESCO-Weltkulturerbe gemacht hat. Hier besteigen wir einen Aussichtsturm, auf dem einst die Sklaventreiber die Zuckerernte beaufsichtigt hatten.

Anschließend kommen wir in der paradiesischen Stadt von Trinidad an. Anfang 1514 wurde Trinidad vom Fischerort in die dritte kubanische Stadt unter spanischer Krone umstrukturiert. So finden sich heute im gesamten, relativ großen historischen Zentrum überwältigende Beispiele spanischer Kolonialarchitektur. Die Häuser leuchten in kräftigen Farben, die heiße Luft sirrt vor Stimmung – aber leider auch vom Tourismus. Viele Kuba-Reisende landen in Trinidad, sodass das kunstvolle historische Zentrum schon fast zum touristischen Wachsfigurenkabinett verformt wurde.

Nichtsdestotrotz ist Trinidad eine verträumte karibische Schönheit. Hier sitzen wir spät abends auf den Treppenstufen, die vom Casa de la Musica auf den Zentralplatz hinunterführen, sehen eine Band spielen und tanzen zur Salsa Cubana. In dieser lauen Nacht bläst die tropische Brise gekonnt alle Sorgen davon: Sorgen über die Armut dieses Landes, Sorgen über den kläglichen Ausverkauf des Sozialismus, Sorgen um dieses kostbare, gebildete, wunderschöne Kuba.

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