Blauer Falter

Er spießte den Schmetterling auf das Brett und klebte ein Etikett mit der Aufschrift „Tagpfauenauge, 16. Juli“ darunter.

Juli. Es war Sommer und warmer Regen fiel aus den Wolken, draußen vor der Tür. An der klingelte es jetzt. Ein paar Schritte, aufgemacht, „Hallo“ und „Komm rein“ gesagt, er Schuhe und Jacke aus, zugemacht. „Wer bist du?“ – „Der aus dem Regen kommt.“

Vom Himmel gefallen. Wie derjenige, den man als Teufel schimpft. „Warum bist du nicht nass?“ – „Ich bin zwischen den Tropfen gelaufen.“ Schlank genug dafür. Und Augen wie Perlen. Haare wie Seide. „Hast du einen Namen?“ – „Nein.“ Er lächelte. „Doch, natürlich.“ Jetzt musste auch David lächeln.

„Ich heiße Felix“, sagte der aus dem Regen kommt dann und streckte ihm die Hand entgegen; eine schöne Hand. David entgegnete den Gruß und spürte die wohlige Wärme des fremden Jungen. Als sich der Griff löste, fragte er: „Willst du meine Schmetterlinge sehen?“ Felix nickte und wirkte auf einmal schüchtern dabei. Mit einer Handbewegung wurde er in das Falterzimmer geführt.

„Den hier habe ich erst heute gefangen“, meinte David, während er auf das Tagpfauenauge deutete. „Der ist schön“, entgegnete Felix und lächelte. „Den Schönsten aus meiner Sammlung hast du noch gar nicht gesehen.“- „Meinst du den Zitronenfalter dort?“ David schüttelte den Kopf. Dann ging er behutsamen Schrittes hinüber zu einem kleinen, alten Vitrinenschrank. Durch das Glas in den Türen konnte man wundervolle Schmetterlinge betrachten. Auf dem obersten Brett in der Mitte lag eine blank polierte Zigarrenschachtel aus rötlich-dunklem Holz.

Mit einem golden glänzenden Schlüssel schloss David die vordere Tür des Schrankes auf und öffnete sie vorsichtig. Die andere Tür entriegelte er durch einen Schieber innerhalb an der oberen Kante, dann öffnete er auch diese. Mit einer immerwährenden Ruhe hob er die Schachtel oben heraus und legte sie auf den Schreibtisch. Daraufhin öffnete er sie ganz langsam an einem silbernen Verschluss und hielt den Atem an. Auch Felix hielt, ohne es zu merken, den Atem an. Sie standen dicht beieinander und hörten ihre jungen Herzen immer schneller klopfen.

Die Luft war erfüllt vom Zauber zerbrechlicher Schönheit. Die Schachtel hatte eine unglaubliche Pracht offenbart: Ein marineblauer Schmetterling mit schwarzen Rändern an den perfekt geformten, exakt symmetrischen Flügeln. Er hatte einen schlanken Körper und winzige Augen, die den Betrachter anzublicken schienen. Durchdringend und nach Hilfe rufend; aufgespießt auf einem Stück Holz.

Ausatmen. Die Schachtel geschlossen. „Seit wann hast du ihn schon?“, fragte Felix. „Da ist gar kein Etikett oder eine Plakette drunter.“ – „Ich habe ihn von meinem Vater geerbt. Er hatte keine Plakette angebracht, weil er nicht herausfinden konnte, was es für einer ist. Es ist der erste und letzte dieser Art gewesen, den er je gesehen hat. Ich habe einen solchen Schmetterling nie lebend sehen können.“ – „Ein seltener Fang. Aufregend. Wenn er einer unentdeckten Art angehört“, überlegte Felix, „dann kannst du sie doch nach dir benennen.“ David drehte sich zur Seite und sah seinem Gegenüber tief in die Augen. „Oder nach dir.“ Der Felixfalter. Eine fremde Art benannt nach dem Fremden. Passend.

Felix drückte sanft mit den Zähnen auf die Unterlippe, um ein vorsichtiges Lächeln zu unterdrücken. Dann küsste er David unerwartet auf die Wange. Der war augenblicklich verdutzt, wusste nicht, wie mit der Situation umzugehen war. „Schau nicht so erschrocken“, sagte Felix und griff nach Davids Hand. – „Bin ich nicht.“ David schüttelte den Kopf, in dem er seine Gedanken nicht sortiert bekam. Er glitt aus dem Griff und nahm die Schachtel mit dem Schmetterling darin, um sie wieder zurück in den Vitrinenschrank zu legen; tat etwas, um sich abzulenken. Doch er spürte, dass er sich zu Felix hingezogen fühlte. Er spürte ein zart drängendes Verlangen nach der Wärme, dem Lächeln, den Händen, dem Herzklopfen, dem Kuss von Felix. David drehte sich um und tat, was ihm sein Gefühl sagte.

Es war ein überstürzter Kuss, aber doch ein warmer, erfüllender. Felix‘ Augen leuchteten auf, er schien froh darüber, dass David seine Romantik erwiderte.

Während die beiden so dastanden, ging plötzlich die Tür auf. Es war Eva. Sie wollte wohl gerade etwas sagen, als sie nach einem Blick auf das Bild, das sich ihr bot, innehielt und erstarrte. David und Felix fühlten sich ertappt und gingen auseinander. „Hallo“, sagte sie nur. David war nun vollends durcheinander. „Hallo, Eva. Das“, er wies mit der Hand zur Seite, „ist Felix.“ Sie lächelte aufgesetzt. „Aha.“ Dann ging sie zwei unsichere Schritte ins Zimmer hinein und hielt dem Fremden die Hand hin. „Ich bin Eva.“ Felix lächelte verschämt und erwiderte den Gruß, stellte sich kleinlaut vor. Dann trat Eva wieder ein Stück zurück. „Hm… woher kennt ihr euch?“ Niemand von ihnen wusste so recht eine Antwort. „Ich weiß es nicht“, erwiderte David schließlich. Und es entsprach dem Geschehenen – Felix war auf einmal einfach da gewesen. „Gut“, sagte Eva mit einem irritierten Blick, „meinetwegen. Ich will euch nicht länger stören.“ Sie wollte sich zum Gehen wenden.

„Du störst doch nicht. Was wolltest du denn, warum bist du gekommen?“ – „Ach, ich habe mich nur gefragt, wem die fremden Schuhe am Eingang gehören. Das hat sich ja jetzt geklärt.“ Felix nickte, um nicht regungslos und stumm dazusitzen. David aber schien von etwas abgehalten, Eva einfach wieder gehen zu lassen. „Willst du mein Tagpfauenauge sehen? Hab ich heute erst gefangen.“ – „Du mit deinen Schmetterlingen.“ Eva schaute genervt. „Tut mir Leid, aber ich kann dem nichts abgewinnen.“ Daraufhin steuerte Felix bei: „Ich schon.“ Und er legte die Hand auf Davids Schulter und blickte ihm eindringlich in die Augen.

Eva zuckte zusammen, ihr wurde kalt, als sie sah, wie ein Fremder ihren David ergriff. Was erlaubte der sich?„Halt!“, rief sie da und stürzte dazwischen. Sie entriss David Felix‘ Händen und Blicken und war vom einen zum anderen Moment furchtbar aufgeregt. David stand auf und war fassungslos. „Was soll das?“ Als Felix sich aufgerappelt hatte, sah er Eva irritiert an. Die drehte sich mit einem Mal zu ihm und schlug ihm ins Gesicht. „Ich will das nicht!“ Ein Tritt und Felix lag am Boden. „David ist nicht für einen Jungen bestimmt!“ Noch ein Tritt, Felix zuckte zusammen vor Schmerz, begann zu bluten und starrte mit Angst in den Augen hinauf zu Eva.

„Lass das!“, rief David und versuchte, Eva aus ihrem Gewaltrausch zu zerren. Aber es misslang, Eva wurde immer wütender und unaufhaltsamer. Sie stellte sich vor ihn. „Das muss sein, David“, sagte sie und schlug ihm mit einer gewaltigen Wucht in die Magengrube. Er brach zusammen und erschrak bei ihrer Aggression. Beim Fall zu Boden schlug er sich den Kopf an der Tischkante auf und verlor das Bewusstsein. Felix begann zu heulen, zu schluchzen, zu schreien. Und er schrie: „Was machst du da? Hör auf! Du zerstörst alles!“

„Du hast mir gar nichts zu sagen, du dreckige Schwuchtel!“ Ein Tritt ins Gesicht. „Es gibt nichts zu zerstören!“ Ein Tritt in den Bauch. „Ekelhafter Perverser!“ Ein Tritt zwischen die Beine. „Du bist krank!“ Eva hatte sich einen Stuhl gegriffen und ihn über Felix zerschlagenen Körper erhoben. „Du bist krank!“ Der Stuhl krachte, Felix wurde ohnmächtig. „Du bist krank!“

David wachte auf. Alles war still, doch in seinem Kopf brüllte es. Er sah nach Felix. Ein Stuhlbein ragte aus dem Körper des schönen Jungen. Der Vitrinenschrank war zerstört, alle Schmetterlinge im Zimmer verteilt. Der eine Blaue lag auf der Stirn des Fremden.

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2 Kommentare

  1. Oktober 14

    Nein… Kommentar weg… war zum Glück nicht so lang, also nochmal.

    Echt gut, liest sich klasse und man will gar nicht aufhören, weil du die Spannung so schön aufrecht erhältst. Nur das mit der Gewalt am Ende hätte ich anders gelöst – Wörter ziehen meines Erachtens mehr als Schläge.

  2. Oktober 15

    Danke. Freut mich, dass dir die Geschichte gefallen hat. Zur Gewalt muss ich sagen, dass (aus meiner Sicht) gerade das den kranken Wahnsinn deutlich macht, die schockierende Wendung, der zerstörerische Akt inmitten einer zarten Liebe. Es soll auch metaphorisch die Störung, die man gemeinhin als „Homophobie“ bezeichnet, darstellen.

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